Für die Menschen, für Westfalen-Lippe
Therapieangebote

Musiktherapie

 

 

Tiefenpsychologisch fundierte, aktive Musiktherapie gehört zum ergänzenden stationsübergreifenden therapeutischen Angebot der Elisabeth-Klinik.
Sie wird indikationsgebunden eingesetzt, um behandlungsrelevante therapeutische Fragestellungen wie
- Wie geht es dir
- was fehlt dir
- Was möchtest du verändern
- wer oder was kann dir dabei helfen usw.
die hauptsächlich verbal erörtert werden, in einem anderen Kontext neu erleben und verstehen zu können.

 

Das therapeutische Agens der aktiven Musiktherapie ist die Improvisation. Der Klient wählt ein Instrument und spielt darauf ohne Vorgabe des Therapeuten (und möglichst  ohne die Idee, ein bereits bekanntes Stück zu reproduzieren). Der Musiktherapeut begleitet ihn Resonanz gebend.

 

Damit befindet sich der Klient (der hier mehr Spieler ist) fast immer in einer ihm ungewohnten Situation, die er mit den üblichen Mitteln (außer Verweigerung) nicht bewusst steuern kann. Der Klient ist also aufgefordert, diese ihm unbekannte Situation zu gestalten. Die Art, wie er dies tun wird, hat etwas zu tun mit seiner Persönlichkeit und seinen Möglichkeiten. Hier ergeben sich oft neue, überraschende Einblicke.


Die gemeinsame Improvisation ist eine ungewohnte Art der Beziehungs-gestaltung. Während es keinen Sinn ergibt, gleichzeitig zu reden, ist genau das musikalisch sinnvoll .Damit ist der Klient der Verpflichtung enthoben, Fragen zu beantworten und befindet sich nicht in einem therapietypischen Dialog. Alle Kontaktebenen (vom unverbindlichem Nebeneinanderher bis zum Einklang) sind musikalisch möglich und sinnvoll. Sie können ausprobiert und wieder verlassen werden, wie es gerade gewünscht wird. Damit ergibt sich gerade im Kontaktbereich ein vielschichtiges und einzigartiges Übungsfeld.

 

Das Erlebnis eines einfühlsamen und musikalisch richtig begleitenden Mitspielers ist eine wichtige Erfahrung, besonders dann, wenn nicht viele Erfahrungen mit einem empathischen Gegenüber gemacht werden konnten.

 

Der Austausch über das gemeinsam Gehörte und oft unterschiedlich Erlebte ist wesentlicher Bestandteil der Musiktherapie. Er dient auch der Entwicklung von musiktherapeutischen Foci mit dem Klienten in der Diagnostiksituation.

Instrumente
Instrumente

 

 

Andere Formen der Musiktherapie:

 

Wenn indiziert, kann Musiktherapie auch ein strukturierteres, meist themenzentriertes Angebot bereitstellen.

Dies gilt vor allem, wenn ein Gruppenangebot gemacht werden soll (das gemeinsame Improvisieren ist eine hochspezialisierte Kommunikationsform, die in Gruppen meist nicht zu realisieren ist). In der Arbeit mit Gruppen wird nach einem gemeinsamen Thema gesucht, das musikalisch gestaltet wird. Oft sind dies Themen, die sich auf einen Teil der Gruppendynamik beziehen (z.B. Miteinander/Gegeneinander) oder etwas, was alle in der Gruppe beschäftigt  (z.B. Abschied).

Gelegentlich wird diese Musik auch aufgenommen, um das Gespielte noch einmal gemeinsam anhören zu können.

 

Bei jüngeren Kindern kann eine eher musikpädagogische Vorgehensweise sinnvoll sein, wenn es darum geht, ein geordnetes musikalisches Miteinander erlebbar zu machen (Singangebote, Bewegungsspiele mit Musik etc.).

 

Eher selten wird rezeptive Musiktherapie genutzt (bei der die Klienten einer vom Therapeuten ausgewählten Musik lauschen). Gelegentlich wünschen sich Kinder und auch Jugendliche, dass der Therapeut ihnen etwas vorspielt. Dies  wird gemacht, wenn es therapeutisch sinnvoll erscheint und der Klient  sich aktiv beteiligt (z.B. indem er ein Thema stellt).

 

Musiktherapie mit unterschiedlichen Altersgruppen

 

Musiktherapie mit Kindern und Jugendlichen unterscheidet sich nicht  im Vorgehen. In beiden Fällen ist es die beschriebene aktive Musiktherapie, in deren Zentrum die Improvisation steht.

Während dieses Vorgehen jüngeren Kindern entgegenkommt, die es gewohnt sind, sich im Spiel ungehemmt auszudrücken, stößt dieses Ansinnen bei älteren Kindern und Jugendlichen oft auf erhebliche Vorbehalte.

Viele Jugendliche versuchen, individuellen Ausdruck zu vermeiden, da dieser oft mit Unsicherheit und Scham verbunden ist. Hier muss nicht selten Überzeugungsarbeit geleistet werden, was bei Kindern fast völlig entfällt. Außerdem stellen ältere Kinder und Jugendliche häufig die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Musiktherapie: „Wie soll mir Musiktherapie bei meinem Problem helfen?“. Diese  berechtigte Frage erfordert eine ehrliche, authentische Erklärung.

 

Mit Jugendlichen muss mehr verhandelt werden als mit (kleineren) Kindern. Zu Recht verlangen sie Mitsprache und Auskunft, wenn es um ihre Therapie geht. Therapieziele werden mit allen Kindern und Jugendlichen erarbeitet, die dies wünschen. Es gibt aber auch (meist)jüngere Kinder (selten Jugendliche), denen sich die Frage nach Therapiezielen nicht zu stellen scheint. Diese Kinder/Jugendlichen treten spontan in einen intensiven  Dialog mit sich selbst ein. Einen solchen Prozess zu unterbrechen durch Fragen nach therapeutischen Aufträgen hieße, ihn zu unterbrechen und zu stören.

 

Schwerpunkte der musiktherapeutischen Arbeit.

 

Aufspüren und Stärken von Ressourcen, besonders der kreativen Potenziale

Stärkung der Selbst- und Fremdwahrnehmung

Gestaltung von Interaktion

Musikalische Inszenierung von Konflikten

Lockern emotionaler und intellektueller Blockaden(Problemtrance)

Bahnen neuer Erlebnis- und Handlungsmuster

Auseinandersetzung mit entwertenden Ich-Anteilen

Erkennen und ausdrücken von Gefühlen und deren Nuancen.

Bei seiner Arbeit kann der Musiktherapeut zurück greifen auf eine Vielzahl tradierter musiktherapeutischer Spielideen und –Techniken  und/ oder eine  der Situation angemessene Spielform erfinden.

 

Das musiktherapeutische Setting

 

Die oben dargestellte aktive Musiktherapie mit dem Focus „Improvisation“ braucht zumindest am Anfang das Einzelsetting, um wirken zu können. In der Gruppe sind alle Teilnehmer mehr oder weniger damit beschäftigt, sich zu produzieren (und auf keinen Fall zu blamieren!), so dass eigentlich immer auf bestehendes musikalisches Material zurückgegriffen wird, was therapeutisch nicht sehr ergiebig ist. Der ungewohnte Anspruch, (sich) etwas von der Seele zu spielen, braucht den Schutz eines weit von der Station entfernten Musiktherapieraumes und  eines Musiktherapeuten, der sein Fach versteht.

Gelegentlich ist Klienten das Setting oder die Vorgehensweise  mit zu viel Nähe verbunden. Dann kann (s. o.) auf ein anderes Setting oder eine andere Arbeitsform ausgewichen werden.

 

Wann ist Musiktherapie indiziert- und wann nicht?

 

Musiktherapie ist kontraindiziert bei Psychosen mit aktuell bestehendem Wahninhalt, da Musik als ein un(an)fassbares Medium  in diesem Stadium als zu diffus erscheint.

Nicht geeignet scheint Musiktherapie, wenn es um sehr konkrete therapeutische Anliegen geht (z.B. die Klärung der Unterbringung), da es hier keinen zu gestaltenden „Spielraum“ gibt.

Problematisch kann Musiktherapie sein, wenn Traumatisierte Klienten im Spiel dissoziieren, ohne dass dies zu bemerken ist. Hier entsteht zwar keine Schädigung, aber  das musiktherapeutische Ziel der Aufmerksamkeit für den Prozess ist nur schwer zu realisieren, vor allem wenn es eine Koppelung von Musikhören und Dissoziieren gibt.

 

Ein Konfliktpotenzial ergibt sich bei Patienten mit einer ausgeprägten Zwangs- oder Essstörung. Hier trifft rigide Organisation auf die Forderung, diese zu ignorieren, was zu einer therapeutisch nutzbare Chaotisierung des psychischen Systems führen kann, aber auch zur Flucht aus dem Musiktherapieraum.

 

Besonders gut geeignet ist Musiktherapie

 

-bei Kindern und Jugendlichen, die in ihrer Emotionalität schwer einschätzbar sind(z.B. mutistische oder autistische Störung)

-bei Kindern und Jugendlichen, die Defizite in der Selbst- und Fremdwahrnehmung haben

-bei Kindern und Jugendlichen, die herabgestimmt erscheinen

-kinder und Jugendliche, die stark rationalisierend erscheinen

-Kinder und jugendliche mit ADHS.

 

Zugang zur Musiktherapie:

 

Um erfolgreich die Stationäre Therapie ergänzen zu können, braucht die Musiktherapie ein diagnostisches oder therapeutisches Anliegen, das vom Stationstherapeuten oder der medizinisch/therapeutischen Leitung in der Visite oder im Team formuliert wird.

Zur Diagnostik steht der Musiktherapie kein standardisiertes Inventar zur Verfügung. Sie kann aber in einer Art Screening diagnostisch aussagekräftig sein, wenn es um die Beurteilung der psychischen Situation eines Klienten geht.

 

Diagnostisch von Interesse sind Fragestellungen wie

 

-Welche (musikalische) Thematik taucht auf?

-Welche Atmosphären sind spürbar?

-Wie ist die Expressivität ausgebildet?

-Wie wird der Kontakt gestaltet?

-wie organisiert sich der Klient?

-Welche musikalischen Parameter nutzt er, welche gar nicht

-welche Gegenübertragung erzeugt er?

 

Der Musiktherapeut berichtet in der Visite und /oder dem Fachtherapeutenteam. Er kann meist nach einer Stunde einschätzen, ob eine musiktherapeutische Arbeit in diesem Fall möglich und sinnvoll ist und hat oft bereits mit dem Klienten thematische Ideen entwickelt. In der Therapieplanung (Visite/Team) wird dann festgelegt, ob eine musiktherapeutische Behandlung beginnen soll und welche Ziele diese verfolgen soll.

 

Ein therapeutischer Auftrag an die Musiktherapie sollte sich aus der laufenden Stationstherapie entwickeln. Es kann darum gehen, dass ein Thema in der Musiktherapie vertieft oder anders erlebbar gemacht wird. An die Musiktherapie kann auch ein thematischer Bereich delegiert werden. Wichtig ist, dass  für den Klienten der inhaltliche Zusammenhang der beiden Therapien ersichtlich wird.

 

Wie der Diagnostikauftrag wird auch der Therapieauftrag in Visite, Team oder informell mitgeteilt. Dort wird auch über den Verlauf berichtet.

 

Sowohl Diagnostik, als auch Therapieanliegen können sich auch im Bereich der Familientherapie ergeben. Auch hier kann der fallführende Therapeut die fachliche Ergänzung des Musiktherapeuten anfragen.

 

Dauer, Frequenz und Setting der Musiktherapie

 

Der Musiktherapeut entscheidet(wenn möglich mit dem Klienten), wann ein  therapeutisches Thema aus seiner Sicht ausreichend behandelt wurde und kommuniziert dies. Er entscheidet darüber, ob der Klient in Einzel- oder Gruppentherapie behandelt wird und über die Länge der therapeutischen Einheit.

 

 

Musiktherapeutische Erfolgskontrolle

 

Musiktherapie ist als erfolgreich zu bewerten:

• Wenn sich der Blick des Klienten immer mehr auf die gesunden Anteile richtet;

• Wenn der Klient sich selbst aufmerksam und wertschätzend zuhört und sich ernst nimmt;

• Wenn eine spielerische Atmosphäre entsteht, in der alles möglich erscheint

• Wenn das kreative Potenzial verfügbar wird zur Entwicklung neuer Perspektiven und Lösungen;

• Wenn der Klient an Ausdruck gewinnt:

• Wenn der Klient neue Möglichkeiten findet, Beziehung zu gestalten;

• Und wenn die Musiktherapie Sichtweisen (Wahrnehmung des Klienten durch die Familie, das Team usw.) verändert und damit dem therapeutischen Prozess Inspiration und Bewegung verleiht.